Donnerstag, 23. Dezember 2010

Schweinebraten in Kathmandu, Teil 2

Da es in den Herzen der Deutschen weihnachtet, egal auf welchem Fleckchen Erde sie sich gerade befinden, findet heute in der Mittagspause ein kleines adventliches Beisammensein in der Botschafterresidenz statt. Wer jetzt an Kerzen und knisterndes Kaminfeuer denkt, der ist mit Sicherheit selbst in Weihnachtsstimmung, liegt aber in diesem Falle falsch. Mitten im palmigen Botschaftergarten (die Kakadus muss ich ja nicht mehr erwähnen, wir kennen das Ambiente ja schon aus einem anderen Bericht), in den die Mittagssonne erbarmungslos brennt (um jetzt keinen falschen Eindruck zu erwecken: ich friere hier ungemein! Denn nur weil die Sonne sich mittags regelmäßig blicken lässt im Versuch einen mit der vollen Kraft ihrer Strahlen wieder mit dem Wetter zu versöhnen, kann diese Tatsche einen doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man bei knapp über 0°C ohne Heizung - und was zum Weihnachtsmann sind naht- und ritzenlos schließende Fenster? -  morgens im Bett liegend seinen Atem sieht und die langen Unterhosen beim Duschen am liebsten anbehalten würde), steht wacker ein bunt dekorierter Plastikweihnachtsbaum. Die Tische sind mit Weihnachtssternen (die wuchern hier übrigens wild als gigantische Bäume an jeder Straßenecke!) und Plätzchentellern gedeckt, und mit dem selbstgebrauten Kinderpunsch sollen wir uns Mut antrinken fürs gemeinsame Weihnachtslieder singen. Ich lasse mich in eines der Gartensofas fallen, und einen Lebkuchen zärtlich auf der Zunge zergehen - mit dem Genuss einer solchen Rarität hätte ich tatsächlich nicht mehr gerechnet! Die Sonne macht mich dösig und eingehüllt in das nepalesisch-deutsch-englische Geschnatter meiner versammelten Arbeitskollegen schweifen meine Gedanken langsam ab. Schlaglichtartig kitzeln Erinnerungsfetzten aus den letzten drei Monaten das Innere meiner Augenlider. All die spannenden Einblicke, herausfordernden Aufgaben und amüsanten Momente treiben nochmal hoch.

Wie war ich doch aufgekratzt am ersten Tag, der gleich damit begann, dass ich ganz alleine auf ein UN Contact Group Meeting im Ministry of Peace and Reconstruction geschickt wurde. Gut vorbereitet (das bedeutet vor allem Akten wälzen und Abkürzungen googlen, oder wer kann mir auf Anhieb folgenden Statz übersetzten: „Das UNRCHCO mit der SCWGCAAC in Zusammenarbeit mit dem MoWCSW richtet ihre Aufmerksamkeit besonders auf CAFAAG im Hinblick auf die MDGs“?) schwang ich mich in den Dienstwagen, ließ mich vom immer streng dreinblickenden Chauffeur zu den Ministerien schaukeln und wartete dort gespannt wie ein Flitzebogen auf den Beginn der Veranstaltung. Die Botschafter verschiedener Länder, diverse UN Abgesandte und jede Menge nepalesische Politik-VIPs nahmen an den mit Namensschildern und Mikrophonen bestückten Konferenztischen Platz. Und dann ging es endlich los. Erst ging ich davon aus, dass nur die Begrüßungsworte die Veranstaltung feierlich in der Landessprache eröffneten. Dann hoffte ich beim ersten Beitrag inständig, dass er noch übersetzt werden würde, für alle ausländischen Teilnehmer. Nach 20 Minuten war mir dann klar, dass das Meeting komplett auf Nepali abgehalten werden würde. „Damn it!“, dachte ich und versuchte die restlichen gefühlten 5h mit naiver Blümchenmalerei  auf meinem Notizblock rumzubekommen. „Shit happens!“, dachte sich wohl auch ein norwegischer Diplomat, der die Zeit nutzte und unauffällig ein Nickerchen hielt, bis er frisch ausgeruht selbst an der Reihe war einen Redebeitrag zu halten - an diesem Tag der einzige auf englisch!
Einen Tag später sollte ich dann bereits eine Rede verfassen, die die Botschafterin auf einer Gedenkfeier halten sollte. Beim Landeanflug auf den Flughafen Lukla, der aufgrund der widrigen geographischen Bedingungen und des unberechenbaren Bergwetters als einer der gefährlichsten weltweit gilt, ist vor zwei Jahren eine Maschine mit unter anderem 12 deutschen Touristen an Bord abgestürzt. Niemand überlebte! Das stöbern in den Akten berührte mich sehr. Das Verfassen der Rede war ein äußerst heikle Angelegenheit - oder wer hat schon mal offiziell seiner Trauer für einige Landsleute Ausdruck verliehen?
Die Einblicke, die man bei der Arbeit in der Botschaft in Gesellschaft und Landespolitik erhielt, waren gewaltig. Leider fast durchweg negativ. Kein Wunder bei einem der ärmsten Länder weltweit mit der höchsten Korruption in Asien nur knapp gefolgt von Afghanistan, das Monarchie und Bürgerkrieg kaum hinter sich hat. Die politische Einigung geht nur äußert schleppend voran, die Demokratisierung steckt in den Kinderschuhen (wo auch sonst, wenn sich eine der stärksten politischen Kräfte „Maoisten“ schreit und ohne einen Alternativvorschlag immer nur dagegen ist?) und unter dieser allgemeinen Instabilität leidet wie immer natürlich besonders die einfache Bevölkerung. Mit den grausamen Tatsachen über Kinderhandel musste ich mich auseinandersetzten, als ich einen Bericht nach Berlin zu illegalen Adoptionen verfassen sollte. Auch durfte ich Zeuge der Aufnahme einer Anzeige zweier Touristen werden, die beobachtet hatten wie sich ein Deutscher knackige Knäblein aufs Hotelzimmer quasi per home delivery liefern ließ. Nepal entwickelt sich traurigerweise zu dem neuen In-Eldorado für Pädophile, weil man hier praktisch keine rechtlichen Konsequenzen fürchten muss und die Armut groß genug ist, die Menschen zu so manchem zu treiben. Wie auch die Unmengen an Straßenkindern beweisen, die völlig aufgekratzt vom Kleber schnüffeln nur wenige Jahre warten müssen bis sich ihr Gehirn davon zersetzt.
Glücklicherweise konnte man sich aber auch gelegentlich mit Sachverhalten auseinandersetzten, die ein wenig optimistischer stimmten. Wie die Berichte, die ich über die Ergebnisse einiger Kleinstprojekte verfassen sollte, die von der Botschaft finanziell unterstützt wurden. Unter anderem ermöglichen diese Frauen der Dalit (die Unberührbaren!) eine Schneiderausbildung, einen Brückenbau zur Verbindung dreier Dörfer im Hochgebirge oder die Versorgung armer Familien mit einfachen Kochsystemen, die das offene Feuer mitten im Zimmer ablösen (klingt zwar romantisch - Lagerfeuer im Wohnzimmer - führt aber dazu, dass sich viele Kinder starke Verbrennungen zuziehen oder die Frauen hier im Allgemeinen früher sterben, weil der ständige Rauch, dem sie beim Kochen und Heizen ausgesetzt sind, ihre Augen und Lungen frühzeitig zerstören!).
Ein recht bizarres Amüsement konnte ich auch so manchem deutschen Touristen abgewinnen, um die man sich ja auch in der Botschaft kümmert. Eine Dame rief doch tatsächlich am Wochenende beim Bereitschaftsdienst an, weil sie beim Trekken die Temperaturen unterschätzt und sich einen zu leichten Schlafsack eingepackt hatte. Sie fror nun also ungemein und erwartet steif und fest, dass sich jetzt bitte unverzüglich jemand in einen Helikopter schwingen sollte, um ihr einen dickeren Schlafsack vorbeizubringen - wofür zahle sie denn ihre Steuern? Apropos Touristen: die sterben hier weg wie die Fliegen - das kommt einem zumindest so vor, wenn die Botschaftseigene Kühlkammer mal wieder voll ist. Zum Großteil sind sie, so fies es auch klingt, selbst Schuld. Platz 1 der Todesursachen ist die Höhenkrankheit, die man durchaus vermeiden könnte, wenn man im Hinterkopf behalten würde, dass man im Himalaya und nicht in den Alpen unterwegs ist. Wenn man dann beim Einsetzen der ersten Kopfschmerzen und Übelkeit nicht ans Geld und die Ehre, sondern ans Umkehren und Absteigen denken würde, dann hätte man auch nicht das Problem, dass einem wenig später das Gehirn und die Lungen platzen würden. Knapp gefolgt von Platz 2: „Hey my friend! Tigerbalm? Riksha? No? Ah, you wanna smoke?“. Wenn man dieses verlockende Angebot zu oft bejaht, viel zu viel und alles zusammen einschmeißt, und auch ein kleines Pilzchen oder Pillchen nicht ausschlagen möchte - schließlich ist man ja nicht jeden Tag im Hippieparadies Freak-Street unterwegs - dann kann einen das durchaus niederstrecken.




Meine Gedanken schweifen weiter von den Aufgaben zu den Arbeitskollegen, die viel dazu beigetragen haben, dass mir die Tage in der Botschaft recht bunt vorkamen: Voilà, Mesdames et Messieurs, eine kleine aber feine Auswahl!
Krishna*, den wir sofort als den göttlichen Arbeitskollegen aus meinem sprachverzweifelten Bericht wiedererkennen, geht mir kaum bis zur Schulter, aber wenn er zu Lachen anfängt  und das tut er oft und ausgiebig  dann vibrieren die Wände. Er war noch nicht einmal in Deutschland, aber kennt Wörter wie „Raureif“ und begeistert uns mit längst vergessen geglaubten Redewendungen wie „warum ist die Banane krumm?“.
Palpasa*, die Tochter unserer schnuckligen Vermieter, ist als Telefonistin die gute Seele des Hauses und kümmert sich nicht nur um verschollenes Gepäck oder günstige Flüge, sondern auch um so entscheidende Dinge wie unsere mittäglichen Momos (das sind die nepalesischen Ravioli: „Buff C oder lieber Veg Steam oder soll ich heute doch mal Chicken Fry nehmen?“ damit hat sich die Auswahl dann aber auch schon erschöpft)
Frau Landunter*, die Sekretärin, ist nach reichlich C-Posten (beim Auswärtigen Amt werden die Auslandsvertretungen zur Beurteilung ihrer Behaglichkeit, Attraktivität und Sicherheit von A nach C eingestuft. Paris und New York wären danach ein glattes A, Afghanistan und Bagdad befinden sich als Härteposten bereits jenseits von C!) wie Dhaka, Karachi und nun Kathmandu die Gelassenheit in Person, was ihr einen unglaublich humorvollen Charme verleiht - und ja, so gechillt will ich auch mal sein, wenn meine Kinder groß sind und ich meinen Ehegatten endlich zum Teufel gejagt habe.
Herr Duracell*, der Kanzler, ist an seinem schallenden Gelächter meist aufgrund der eigenen köstlich sarkastischen Witze zu erkennen, die einem auch über so manche Widrigkeit hinweg schmunzeln helfen. Ihm verdenken wir beiden mittellosen Praktikanten es auch den wahrscheinlich zauberhaftesten Ort Kathmandus gesehen zu haben, das Hotel Dwarikas, in das er uns zu einem 12 gängigen Menü mit traditionell nepalesischen Speisen (mir rumpelt der Magen noch immer, wenn ich mir diese unglaubliche Massen an Essensbrei verdünnt mit verschiedenen Alkoholika in meinem Inneren vorstelle) zum Abschiedsessen ausgeführt hat. Das Dwarikas ist deshalb so erwähnenswert, weil ich mir so Nepal immer vorgestellt hatte, bevor ich die völlig verwahrlosten Kulturdenkmäler erblicken musste. Das Hotel hat traditionelle Wohnhäuser mit handgemachten Lehmziegeln restauriert, die typisch dunklen Holzschnitzereien an Fenstern und Türen zu neuem Leben erweckt und Brunnensysteme wieder funktionsfähig gemacht. Nepal wie es einmal war? Kultur als Projektion? Zukunft als Erinnerung?
Prinzessin Verena*, die Botschafterin, die immer ein wenig abgekämpft und zerstreut wirkt und dabei verzweifelt versucht die ganzen Termine in ihrem berstenden Kalender unterzubringen (man bemerke, wir sind hier NUR in Kathmandu - weltpolitisch nicht allzu bewegend!). Tapfer steht sie Dashain Partys bei den widerborstigen Maoisten sowie hippiemäßige Abendveranstaltungen mit scheinbar erleuchteten Volunteers durch, und hat dabei noch Zeit uns beide Praktikanten mit Partnern (das ist hier ein Schlüsselwort, nach dessen An- oder Abwesenheit auf der Einladungskarte man entscheiden kann, ob man über die Knausrigkeit des Gastgebers lästert oder den Umtrunk als Event bezeichnet) in ihrer Residenz zu bekochen, damit wir alle mal „hinter die Kulissen“ schauen können.
Herr Rosenzwerg* und alles andere als klein ist the sporty diplomat. Als Triathlet legt er den Weg zur Botschaft Morgens und Abends Laufend oder mit seinem Mountainbike durch das lebensmüde Verkehrstreiben in the streets of Kathmandu zurück. Gestählt hat er sich unter anderem vier Jahre lang beim Taekwondo Training auf seinem Posten in Nordkorea.
Frau Dipl. Lachmann*, die immer wieder mit einer Kuriosität bei uns in der Tür steht, wie dem schlechtest gefälschten Reisepass oder den Worten eines Antragsstellers für ein Studentenvisum, der sich eine Zukunft „bright as a glittering star“ in Deutschland verspricht. Das Geheimnis ihrer nie enden wollenden Energie und Motivation: täglich Tofu???
Herr News-Tikka*, politischer Berater, dessen englischer Akzent in den Staaten geschmiedet wurde, erhält besondere Bewunderung von uns Praktikanten dafür, dass er es während seines Studiums in den USA tatsächlich geschafft hatte ganze 49 von 50 Staaten zu bereisen.
Gnomi*, das Heinzelmännchen, wuselt immer eifrig mit einem Staubwedel wedelnd über die Gänge. Sie bringt uns jeden morgen den Tee an den Schreibtisch, möchte aber jedesmal im Boden versinken, wenn wir uns bedanken. Regelmäßige Reaktion: Kichern, Kopf senken, rot werden und kaum verständlich irgendwas von „you're welcome, miss“ murmeln. Wenn man ihr Reich, die Küche, betritt, um sich ein Glas Wasser zu zapfen, springt sie aufgeschreckt auf den Gang und beginnt als Übersprungshandlung den Bilderrahmen zu polieren.
Und last but not least: Herr Grisini, the Bodyguard*, mein Mitpraktikant, und mal wieder völlig entnervt: „What to do in Kathmandu???“

Jemand zupft mich am Ärmel und schiebt mir ein Notenblatt hin. Meine Gedanken finden sich langsam wieder im Botschaftergarten ein. Jetzt sollen wir auch noch deutsche Weihnachtslieder anstimmen?!? Sogar der nepalesische Gärtner und die Wachmänner brummen bemüht mit, auch wenn sie kein einziges Wort deutsch verstehen. „Wie absurd ist das denn alles!“, kichere ich in mich hinein, nippe an meinem Punsch, der mir hier unter der nepalesischen Mittagssonne eigentlich viel zu heiß ist. Ich lasse meinen Blick in die Runde schweifen - alle versuchen sich angestrengt an „Oh Tannenbaum“ (nur „Leise rieselt der Schnee“ wäre noch skurriler gewesen in dieser Umgebung!) Ich grinse zufrieden bei diesem Anblick, und freue mich, dass ich hier sein durfte, und freue mich, dass es weitergeht...

* (alle mit einem * gekennzeichneten Namen wurden von der Redaktion geändert) 


Mittwoch, 8. Dezember 2010

Tapai Nepali bhasa bolna saknuhunnchha?

Nepali ist eine einfache Sprache! Das will einem irgendwie jeder weiß machen. Es hört sich ja auch sehr verlockend an, wenn entscheidende Institutionen unserer multimedialen Wissensgesellschaft (von Wikipedia über Lonely Planet bis Kauderwelsch Nepali uvm.) vielsagend betonen, dass Nepali den indogermanischen Sprachen zuzurechnen ist. Ohhh, ich bin entzückt, das klingt ja als könne man die Sprache schon fast! Das hört sich so an als müsste man sich nur in den „indo“-Anteil der Sprache ein wenig reinhören und den Rest würden dann die einem eigens innewohnenden „germanischen“ Sprachgene von Selbst und wie im Schlafe erledigen. Super, eine geschenkte Sprache sozusagen!

Die erste Unterrichtsstunde bestreiten wir auch noch recht selbstbewusst und zuversichtlich, (unsere Mitbewohnerin Lisa, mein Freund und ich.) In einer kleinen Sprachschule, gleich bei uns um die Ecke, haben wir uns für einen Zwölferpack-Nepali-Intensiv-Kurs angemeldet. Intensiv vor allem deswegen, weil unsere hyperaktive Lehrerin Dipa gleichzeitig Unterricht halten, telefonieren und eine Tafelanschrift in rasanter Geschwindigkeit anfertigen kann. Wenn sie gerade mal wieder nichts in ihr pink-bestraßtes Handy bellt, frägt sie uns, die wir eifrig und ohne aufzuschauen in unsere Hefte kritzeln, mit einem zuckersüßen Lächeln: „Siddhyo?“, was so viel heißt wie „Fertig?“ oder „Seid ihr soweit?“ oder „Habt ihr's bald mal?“. Meistens müssen wir das mit einem kläglichen Blick und mechanisch weiterschreibender Hand verneinen! Aber vielleicht liegt das ja nur an uns oder der Lehrerin, nicht aber an dieser leicht zu erlernenden, weil indogermanischen Sprache?!?

In der ersten Stunde zumindest ließ sich die Illusion noch aufrechterhalten. Da die nepalesische Sprache eine äußerst gastfreundlich ist, beherbergt sie viele Anglizismen, die man als Ausländer schamlos ausnutzen kann. Und so kam es, dass wir bereits in der ersten Stunde ganze Sätze produzieren konnten. Die sahen allerdings folgendermaßen aus: „Mero office german embassy ho. Mero friend french chha. Ma Nepali food restaurant-maa kanchhau.“ Doch der Sprachunterricht nahm ungehindert seinen Lauf und damit einhergehend schlich sich die Erkenntnis ein, dass manch theoretische Klassifikation dem Praxistest nicht standhält. Denn ab der nächsten Stunde wurden wir mit komplexen Tafelbildern zu den verschiedenen Konjugationen und Zeitformen inklusive zahlloser Ausnahmen konfrontiert, die uns zwar durchaus an die deutsche Grammatik erinnerten, doch die Wiedersehensfreude hielt sich in Grenzen! Auch die Verben, deren Stamm meist noch recht kurz und bescheiden wirken, schrauben sich nach ihrem Konjugiertwerdens und Dranhängens verschiedener Standorts- oder Beziehungsanzeigender Partikel länger und länger über das Tafelbild. Ich musste mir eingestehen, dass ein Heft in Größe DIN A5 zu klein ist für die nepalesische Sprache!

Der nächste Quell der Freude am Erlernen des Nepalesischen ist die Aussprache und Umschrift (die wir benötigen, weil wir uns noch nicht an die eigentliche Schrift Devanagari herangetraut haben), denn da scheint sich keiner so recht einig zu sein. Zwischen „B“ und „V“ wird in der Aussprache beispielsweise kein großer Unterschied gemacht. So stellte sich einer meiner Arbeitskollege mit den Worten vor: „Ich heiße wie ein Gott: Bishnu!“ Ich hatte den erhaltenden Teil der hinduistischen Dreieinigkeit bisher immer nur als Vishnu kennengelernt, aber wir bezogen uns da durchaus auf dieselbe Gottheit. Nachdem sich Vorfälle dieser Art häuften und meine Verwirrung stetig stieg, habe ich kurzerhand beschlossen ab jetzt immer einen V-Laut vorzutäuschen, der auf den Lippen hängenbleibt oder andersrum ein angehauchtes „B“ aus meinem Mund heraus stolpern zu lassen. Das klingt dann wie ein klares, astreines „bbfbvvbfvf“! Die nächste Zweifelhaftigkeit ist die scheinbar willkürliche Austauschbarkeit von „S“ und „Sch“. Meine Mitbewohnerin Lisa kann dabei schon mal zur „Lischa“ werden, das Büro zum „offisch“ und einmal wird hier „dasain“ als wichtigstes Fest des Jahres gefeiert, der nächste erzählt einem dann aber schon wieder davon, was er mit seinem „daschain“-Zuschlag gekauft hat!

Wenn die Nepalis es bei der Aussprache scheinbar schon nicht so genau nehmen (wobei es uns ja trotz aller lautlicher Großzügigkeit des Nepalesischen durchaus schon passiert ist, dass wir auf unsere Frage nach dem Weg nach „Sundari?“ nur verständnislose Blicke ernteten und das trotz des Versuchs der Vermeidung aller Miss- und Unverständnisse durch einen gänzlichen Verzicht auf Grammatik und zusätzliches Vokabular um das entscheidende Wort „Sundari“ herum!), dann tun sie das zumindest bei den Personalpronomen, bei denen es eine bunte Fülle gibt, die den Höflichkeitsgrad und Beziehungsstatus zwischen zwei Gesprächspartner anzeigen. Es gibt beispielsweise drei verschiedene Du-Formen (die selbstverständlich auch verschieden konjugiert werden). Neben dem höflichen und dem freundschaftlichen „Du“, existiert laut unserer Lehrerin auch eines für – man höre und staune – Hunde, weil man müsse sie ja auf der Straße formal korrekt beschimpfen könne, wenn sie einem nicht aus dem Weg gingen! Nachdem wir ein wenig verwundert mit unseren Nachfragen nicht locker ließen, räumte Dipa ein, dass diese Form auch unter engen Familienmitgliedern verwendet werden könne, aber ausschließlich unter Nepalis! Wie auch immer, dann fällt diese Form für uns beim Lernen zumindest schon mal weg, weil ich hier nicht vorhabe mich in eine nepalesische Familie einzuheiraten (bin ich sowieso schon viel zu alt dafür) und mich mit Sicherheit nicht mit den Hunden auf der Straße auf Nepali unterhalten werde – soweit kommt’s noch!

Da sitzen wir nun also wöchentlich artig in den Schulbänken unseres kleinen Klassenzimmers, das den Straßenlärm voll in sich aufnimmt, und wo sich der Ventilator bedrohlich von der Decke schraubt, im redlichen Bemühen uns der nepalesischen Sprachen anzunähern, die uns doch eigentlich schon so nah sein sollte. Mein Freund ist bei all diesen Schikanen bereits abgesprungen und versucht sich nun lieber übers Essen der nepalesischen Kultur anzunähern. Vielleicht, rätsle und hoffe ich, liegt das daran, dass er sich als nicht-germanischer Muttersprachler noch schwerer tut mit dem Nepalesischen? Mit diesem Hintergedanken bekommt unser Optimismus jede Wochen wieder einen kleinen Aufschwung, wenn unsere Lehrerin Dipa am Anfang der Stunde regelmäßig verkündet: „Today we learn the past simple – it is v e r y easiest...!“

Kommunikationsmöglichkeiten jenseits des Nepalesischen:
Englisch - International - Piktografisch 

Freitag, 26. November 2010

Schweinebraten in Kathmandu, Teil 1

Kathmandu ist dreckig, chaotisch und stinkt! In diesem Sinne also das komplette Gegenteil von Deutschland (Fußgängerunterführungen, Dixie-Klos und das alte Sofa im Partykeller einmal ausgenommen). Und doch gibt es einen persilblütenreinen Flecken mitten im Gehupe der Rauch speienden Autos, mitten zwischen Müllbergen, in denen die Kühe grasen (die vielen bunten Chipstüten stehen durchaus auch auf dem Speiseplan der heiligen Paarhufer), und mittendrin im würzigen Aroma brennender Plastiktüten. Auf einer von Schlaglöchern zerfurchten Straße ragt hinter hohen Mauern eine schneeweiße Residenz in den blauen Himmel. Der saftig grüne Rasen rundherum ist fein säuberlich getrimmt, der Kiesweg blank gekehrt. In den polierten Fensterscheiben spiegelt sich die strahlende Sonne. Die bunten Blumen in den Beeten und die zarten Rosenstöcke wiegen sich köstlich im Wind. Sogar die Luft wirkt hier einen Tick frischer! Nun biegt ein weißer Mercedes in das Anwesen ein. Majestätisch (und ohne zu Hupen!) rollt er vor der Pforte aus. Der Fahrer schreitet einmal um den Wagen herum und öffnet die hintere Tür, aus der der Konsul in feinem dunklen Garn mit Krawatte in schwarz-rot-gold steigt…

Wüsste man es nicht besser, möchte man meinen, man wäre in Deutschland. Denn Deutschland ist natürlich sauber, ordentlich und wohlbehütet! Und tatsächlich ist diese Annahme nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, denn wir befinden uns auf dem Gelände der deutschen Botschaft Kathmandu, meinem Arbeitsplatz für insgesamt drei Monate. Und das Beste daran ist, dass mein Praktikum pünktlich zum Tag der deutschen Einheit, unserem Nationalfeiertag, beginnt. Das bedeutet: bevor ich mich noch irgendwie mittelfristig orientiert und tatsächlich was Handfestes gearbeitet habe, werde ich auf einem richtig waschechten Botschafterempfang teilnehmen. Die Kür vor der Pflicht! Ich werde unbekannten, aber unglaublich wichtigen Partygästen zuprosten, vom 5-Sterne-Buffet naschen und mit einem Sektglas in der einen, zahllosen Visitenkarten in der anderen Hand, über den Rasen des mit Lichterketten geschmückten Gartens stöckeln. Irgendwie erschreckend - aufregend!

Aber auch klar, dass die Realität eine etwas andere Farbpalette bevorzugt. Grundfarbton: verschwommen! Abgesehen davon nämlich, dass es sich besonders schlecht stöckelt, wenn die Riemchen an den brandneuen Schuhen reißen und eine unvermeidliche Laufmasche wenig glamourös wirkt, hatte ich
nicht erwartet, dass es bei mir so viel Verwirrung hervorrufen würde, wenn die deutsche Nationalhymne mitten im exotisch begrünten Botschaftergarten ertönt, in dem ich mich umringt von Palmen, Mangobäumen und Nepalesen in Saris oder mit Topi wiederfinde (Der Topi ist ein freches, buntgemustertes Käppi der im Kathmandutal ansässigen Volksgruppe der Newari. Als Händler-Kaste haben sie es durchaus zu Wohlstand gebracht und auch in der Politik so ziemlich die Hosen an. Sie bekennen sich zudem - ohne zu Schwanken - zum Hinduismus-Bhuddismus!). Ich beobachte dabei wie der Wind durch die riesige Flagge haucht und mit den schwarz-rot-goldenen Streifen spielt. Untermalt wird das ganze Schauspiel vom lustigen Sound der Kakadu Familie (oder welches Federvieh auch immer solch glucksend-kichernde Geräusch von sich gibt), die in den Avocado Büschen gleich links neben dem Nachspeisenbuffet haust.  

 
Meine Orientierung gerät langsam aber sicher durcheinander! Daran ist sicherlich auch der Party-Service nicht unbeteiligt. Denn hier wird einem ständig von einem der unzähligen Kellner mit Silbertablett und Serviette über dem Arm das ein oder andere starke oder noch stärkere Getränk gereicht, sobald das eigenen Glas auch nur halbleer ist. Damit der Schwindel nicht gänzlich überhand nimmt und ich mich nicht mit meinen Absätzen im Rasen festhacken muss, beschließe ich das Buffet zu erkunden, um meinen Magen anderweitig zu beschäftigen. Und da wird doch tatsächlich aufgetischt, wovon ich kaum glauben mag, dass es solch abgelegene Gebirgsregionen heimsuchen könnte: mitten im Himalaya kann man in den Genuss eines alpenfrischen Apfelstrudels kommen; dem Oktoberfest nur mit knapper Not entkommen, umstellen mich hier Würste und Sauerkraut in aller Couleur (auch wenn mir die berühmte „German Chicken-Sausage“ doch ein wenig fremd vorkommt - weshalb ich sie besonders ausgiebig studieren muss!); und mitten zwischen den fremden Klängen der nepalesischen Sprache kitzelt einen der vertraute Geruch von Schweinebraten mit Kartoffelknödeln und viel Soße in der Nase. In der Tat, meinen verwirrten Magen kann ich mit dieser ungewöhnlichen Kulinarik ablenken, besänftigen jedoch nicht. Denn wenn man seit einiger Zeit an eine Diät aus vegetarischem Curry und Dhal Bhat (ein sehr magenfreundliches, man könnte auch sagen ein wenig fades, Linsengericht mit Reis) gewohnt ist, dann können Wursttürme und Krautberge da durchaus mal was durcheinander bringen  aber, Moment, so weit sind wir noch nicht! Nachdem ich die Tagesordnungspunkte „Bar plündern“ (wie bereits erwähnt, bin ich in diese Nummer völlig unschuldig hineingeraten) und „Buffet abgrasen“ (wenn man nicht weiß wie lange man solch heimatlich anmutende Bissen nicht mehr zu Gesicht bekommen wird, ist es praktisch vorprogrammiert sich in der Menge ein wenig zu vergreifen) bereits abhaken konnte, bleibt nun nur noch „Visitenkarten austauschen“ übrig  schließlich wartete ein frischgedruckter Stapel davon in meiner Tasche!

Und so durchstreife ich das Schlachtfeld auf der Jagd nach hohen Tieren und interessanten Persönlichkeiten der nepalesischen Gesellschaft. Und natürlich findet sich hier so einiges, was meinem Beuteschema entsprechen würde. Die Besagten sind jedoch allesamt bereits in ein angeregtes Gespräche vertieft, in das ich mich als „gesichtslose“ Praktikantin mit Laufmasche nun auch nicht hineindrängen möchte (auf meiner Visitenkarte steht übrigens „Research Assistant“, was nicht so ganz falsch ist, denn auf der Suche ist man hier ja recht oft), oder tun sonst etwas wichtiges wie Rede halten oder der Botschafterin zuwinken... Nachdem ich also ein paar Runde vergeblich durch das Getümmel getigert bin, entschließe ich mich zum Rückzug auf einen sicheren Beobachterposten für eine kurze Verschnaufpause am Rande des Geschehens. Kaum nippe ich ein paar Mal an meinem Glas Weißwein (wie ist das eigentlich schon wieder in meine Hand geraten?), schlendert auch schon ein Nepalese im Nadelstreifenanzug zu mir heran, streckt mir seine Visitenkarte entgegen und stellt sich als Leiter einer NGO vor (deren Name leider im Weißwein ertrunken ist), die sich für die politische Bildung von Jugendlichen einsetzt. Und er würde sich gerne einmal mit einer jungen Deutschen, die dem Studentenleben noch nicht allzu fern zu sein scheint (hmmm?!?), über Politik austauschen. Aha, wer sagt's denn, klingt doch interessant! Dass das Gespräch von ihm dann ziemlich bald zu Hitler übergeleitet werden würde, den er unbeirrt in den höchsten Tönen preist, war mir bei seiner harmlosen Einleitung so auch noch nicht klar. Als er dann auf meinen Einwand, dass das Dritte Reich für Deutsche ein ziemlich heikles Thema sei und er sich da auf recht dünnem Eis bewege, so gar nicht reagiert, muss ich leider ein wenig unwirsch, mit der Ausrede ein paar Fotos für die Frau Botschafterin schießen zu müssen, ganz schnell die Kurve kratzen. Und schon kommt der Nächste auf mich zu. Ein Whiskey Glas lässig in der Linken, mir seine Visitenkarte mit der Rechten entgegenstreckend, stellte er sich als Herr Dr. „N?la??ga“ vor. Man braucht wohl ein wenig Zeit sich in die nepalesischen Namen reinzuhören, bevor man sie sich merken kann, aber die entscheidende Information ist - das bekomme ich nach mehrmaliger Wiederholung unmissverständlich mit - , dass er als junger Chirurg in seiner Klinik Tag und Nacht am Schibbeln und deshalb völlig überarbeitet und ausgelaugt ist! Deswegen gönnt er sich offensichtlich an einem seiner wenigen freien Abende einen Whiskey nach dem anderen auf dem Botschafterempfang - for free?!? Das Glas hat er dabei in ein Taschentuch gehüllt, wohl um den Pegelstand zu verhüllen, der eigentlich immer auf der gleichen Höhe verweilt, da er sich pausenlos nachschenken lässt. Als ich dann aber bald aus seinem Gelalle nicht mehr recht schlau werde, verschanze ich mich gnadenlos hinter dem Buffet. In einem Vanilleeis mit heißen Himbeeren rührend (eigentlich war mir schon ein wenig übel von dem ganzen Durcheinander in meinem Magen, aber ich brauchte ja etwas, in das ich mich vertiefen kann, um jedem klar zu machen, dass ich offensichtlich beschäftigt und nicht ansprechbar bin), sinniere ich, beschickert vom Nachspeisenbuffet, so vor mich hin: Auf Botschaftsempfängen tummeln sich viele interessante Leute. Das sind diejenigen, die mit der Botschafterin per Du sind oder mit dem Ministerpräsidenten zum Golfspielen gehen. Unter diese mischen sich aber auch eher uninteressante, seltsame oder auch erschreckende Gestalten. Diese landen früher oder später an der Bar und erzählen dem Keeper das tragische Ende ihrer letzten Liebesbeziehung oder  und da komme ich unangenehmerweise wieder ins Spiel  stürzen sich auf die Botschaftspraktikanten, die noch nicht anderweitig Fuß fassen konnten... 



Solcherart wirre Überlegungen kreisen auch noch in meinem Kopf, als ich den Weg nach Hause in mein Bett bereits gefunden habe, in dem ich mich unruhig hin und her wälze. Denn irgendwie schwankt mein Bett wie ein Schiff. Oder sind es nur meine Gedanken die so unbändig in meinem Kopf herumschwappen? Oder die Wellen der Weinbrandungen in meinem Magen? Am Ende war es dann doch nur der unvernünftige und übermäßige Genuss deutsch-nepalesischer Freundschaftswürste, die an meinen nächtlichen Halluzinationen sowie auch an reelleren Manifestationen einer leichten Magenverstimmung Schuld sind. Vielleicht, denke ich mir im Dunklen der nepalesischen Nacht auf dem mehrmaligen Weg zur Toilette, sollte ich es einfach ein wenig langsamer angehen lassen mit meinem Hunger nach der großen weiten Welt...?!?

Sonntag, 14. November 2010

Lichterfest im Land des Load Shedding

Alles begann damit als mir eines schönen Morgens, die Sonne blinzelte bereits zwischen den Mauern hervor, auf dem Weg zum Einkaufen ein Hund über den Weg lief. Das ist noch recht gewöhnlich, die gehören hier zum Straßenbild wie die Autos und die Kühe. Meistens schlafen sie eingerollt an den unmöglichsten Stellen mitten auf einer vielbestiegenen Treppe oder direkt vor einem Tempeleingang. Irgendwie bewundere ich diese schmutzigen Köterchen auch ein bisschen wie sie da völlig seelenruhig schlummern und voller Gottvertrauen (bestimmt gibt es auch irgendeinen Hundeschutzgott oder besser noch einen, den wie Ganesh anstatt das Haupt eines Elefanten eben dasjenige eines schnittigen Rassehundes oder puscheligen Straßenpinschers krönt) den Straßenverkehr an sich vorbeibrausen und unzählige Füße über sich drüber steigen lassen. (Nachts sind sie dann ausgeschlafen genug, um „from-dusk-till-dawn“ zu bellen.) Es war aber der „Aufzug“, in dem der Hund an mir vorbeischwänzelte, der mich ratlos die Augen reiben ließ. Der kleine Hund hatte doch tatsächlich zwei orangene Blumenketten mit dicken Blüten um den Hals, die bei jedem seiner Schritte munter hin und her baumelten. Dazu prangte auf seiner felligen Stirn eine knallpinke Tikka (zur Wiederholung: das sind die schicken Punkte, die sich Hindus immer auf den Großraum Stirn pinseln). Ganz schön wild, denk ich mir, und vermute eine freche Kinderbande, die sich hinter der nächsten Ecke vor Lachen kugelt. Was mich allerdings tatsächlich hinter der nächsten Ecke erwartet sind zwei weitere so zugerichtet Hunde, die mit ihrer verwegenen „Verkleidung“ selbstbewusst an mir vorbeiwackeln. Es dämmert mir langsam, dass diese unheimlichen Vorkommnisse sicherlich wieder mit einem der unzähligen Feste zu haben, die hier in Nepal scheinbar jede zweite Woche feierlich (das heißt meistens laut) begangen werden. Und ganz zufällig ist auch kommendes Wochenende Tihar (die Indienliebhaber sind wohl eher mit dem Namen Diwali vertraut und das eine wie das andere wird gerne mit Lichterfest übersetzt). Sogleich frage ich meinen schlauen Vermieter Prim, der immer ein unermüdliches Lächeln im Gesicht trägt, was da vor sich geht. Sein Kopf wackelt unaufhörlich hin und her, wie man es hier oft sehen kann, als er mir erklärt, dass Tihar sich über mehrere Tage erstreckt und an jedem ein anderes Lebewesen verehrt wird (das nennt sich hier Puja und hat immer mit viel Farbe, Blütenblättern und Reis zu tun, die man lustig um sich wirft). Am ersten Tag sind die Krähen dran, denen man Leckerbissen aufs Dach legt, am zweiten die Hunde (das Ergebnis kennen wir ja nun!), danach die Kühe (da freue ich mich schon drauf!), dann Laxmi (die Göttin des Glücks und der Schönheit, aber in einem der ärmsten Länder der Welt verständlicherweise besonders wegen ihrer Eigenschaft als Spenderin von Reichtum verehrt), dann ist man selber dran (das Ergebnis male ich mir gerade in den buntesten Farben aus) und am letzten Tage Tihars sind die Geschwister fällig. Soviel dazu und das heißt für mich sobald Wochenende ist - da hätte dann Laxmis Stündlein geschlagen, wenn heute die Hunde dran sind - muss ich an dieser herrlich verrückten Veranstaltung unter allen Umständen irgendwie teilhaben!

Und schneller als ich es mir ausmalen kann, bin ich auch schon Mitten drin im Tihar-Wahnsinn und zwar im Herzen Bakthapurs (die drei Städte Kathmandu, Patan und Bakthapur liegen alle im selben Tal und gehen praktisch nahtlos ineinander über), in den liebevoll-fürsorglichen Armen einer nepalesischen Großfamilie. Und das kam so: Über drei Ecken kennen wir Thhe Napit, den 19-jährigen Computerfreak aus Bakthapur, der einen am liebsten stundenlang und gleichzeitig über Facebook, MSN und per SMS bespaßt, und es sich nicht ausreden lässt uns immer mit „Sir“ oder „M‘am“ anzusprechen. Da wir kurzfristig keine Unterkunft mehr in Bakthapur finden konnten (absolute Touristenhochsaison gerade!), dort aber „the-place-to-be“ für Tihar ist, hat Thhe sofort und spontan darauf bestanden, dass wir unbedingt bei ihm übernachten müssen, er zeige uns auch alles in der Stadt und überhaupt sei der Spaß schon vorprogrammiert! 

Thhes älterer Bruder Sriraj und Thhe

 So erklommen wir also zwei Tage später die engen, steilen Stufen des fünfstöckigen Hauses Napit. In jedem Stockwerk streckt jemand anderer den Kopf aus einer Tür, um die Ausländer zu begrüßen (die hier übrigens alle pauschal und unterschiedslos „americans“ genannt werden) und Thhe klärt uns dabei über die verästelten Verwandtschaftsverhältnisse jedes Einzelnen der 16 Hausbewohner auf. Ganz oben angekommen betreten wir das Zimmer von Thhes engerer Familie: Ein großer Raum mit Bett, improvisierter Küchenzeile, bestehend aus einem Tisch, auf dem zwei Gasplatten und ein Reiskocher stehen (die Mutter Sagani kann damit aber erstaunlich köstliche Gerichte und vor allem viel davon zaubern!) und viele Kissen auf dem Boden, auf denen wir Platz nehmen. Trotz sprachlicher Barrieren kommen wir recht schnell ins Gespräch über Gott und die Welt. (Man muss dazu sagen, dass die meisten Nepalis kleine Sprachgenies sind. Für die wenigsten ist Nepali nämlich die Muttersprache in einem Staat, der aus einer uneinheitlichen und äußert bunten ethnischen Mischung besteht. Beispielsweise spricht die Familie Napit daheim Newari, zur Verständigung im Lande dient allerdings Nepali, das deswegen auch jeder beherrscht. Dazu kommt Englisch, die zweite Amtssprache, das mindestens jeder ab unserer Generation in der Schule lernt. Und weil das Fernsehprogramm unübersetzt aus Indien kommt, versteht eigentlich auch jeder Hindi.) Wir verstehen uns auf eine elementare Art und Weise, weil wir ja doch irgendwie alle die gleichen Bedürfnisse und Träume haben und die Menschen überall Ähnliches bewegt. Gleichzeitig fühlen wir aber auch die Welten, die uns trotz allem manchmal trennen, die verschiedenen Kulturen, die unser Denken und Fühlen geformt haben. Und genau diese Mischung aus Neugier und Verstehen wollen einer anderen Welt, verzahnt mit einer grundlegenden Sympathie und einem unmittelbaren sich nah Fühlens, lassen mich diese Gespräche so lebendig in Erinnerung behalten!   

Aber natürlich ist auch jede Menge Programm geplant. Am selben Abend ist schließlich Laxmi-Puja und schon ziehen wir wieder los durch die Straßen von Bakthapur. Die engen Gassen, die sich durch die dicht an dicht geschmiegten alten Häuser mit den dunkel geschnitzten Fensterrahmen und kunstvoll verzierten Holztüren schlängeln, sind die perfekte Kulisse für die vielen Mandalas (psychedelisch runde Bilder), die mit buntem Pulver vor jeder Haustür aufgestreut wurden. Und weil sich an diesem Abend ja alles um Laxmi dreht und man diese nicht nur verehren, sondern jeder die Göttin, der die Goldstücke nur so aus den Handflächen rieseln,  insgeheim gerne zu sich nach Hause locken würde, damit sie dort ihren Geldsegen herunter regnen lässt, wurden vor vielen Häusern auch kleine Fußspuren (geschätzte Größe 32 mit nur vier Zehen – so sehen also göttliche Füße aus!) aufgezeichnet, die direkt ins Innere des Hauses führen. Und damit Laxmi das auch nicht zufällig übersieht, schwimmt die ganze Stadt in einem Lichtermeer. Unzählige Lichterketten baumeln an den Häuserwänden und eine ganze Flut von Butterkerzen erleuchtet die Stadt. Ganz ehrlich, so hell und festlich habe ich Nepal bei Nacht noch nie gesehen!


Am nächsten Tage rennen wir in jeden Winkel Bakthapurs, denn Thhe ist stolz auf seine Heimatstadt und hat einen straffen Plan vorbereitet. Bereits um 5.45 Uhr, die Dämmerung war noch kaum hereingebrochen, reißt er die Tür unseres kleinen Kämmerchens auf – eigentlich sein Zimmer, das er uns großzügig überlassen hat – und ruft aufgeregt in unseren Schlummer hinein: „Good morning, Sir! You have to wake up now; we have to do the first morning toilet. We cannot wait – there will be a big queue!” (Klar, bei einer einzigen Toilette für 16 Familienmitglieder.) Und so steil wie der Tag startet, so geht er auch weiter: Wir bewundern den Marktplatz, auf dem zwischen jahrhundertealten Tempeln, die Bauern ihr Gemüse und auf dem Kopfsteinpflaster feilbieten. Die Metzger nehmen das Geschlachtete direkt auf der Straße auseinander, daneben wird Stroh gedroschen und die Ladenbesitzer preisen lautstark ihren Joghurt an. Schon geht es weiter, hinauf auf einen Hügel, zum Tempel des Ganesh, der von einem leicht verwirrten Landstreicher bewacht wird, der uns vom Tiger im Wald erzählt und seine Hose lieber verkehrt herum trägt. Wieder hinunter auf den Durbar Square, wo wir Pani Puri (kugelrunde, hohle Waffeln, in die ein Loch hineingedrückt wird, um sie mit einer Masse aus Kartoffeln, Kichererbsen und Zwiebeln zu füllen, um dann alles in gewürztem Wasser zu ertränken) und Eiscreme genießen. Noch ein Abstecher zum trüben, viereckig eingemauerten Stadttümpel zum Fische füttern, und schon geht es wieder zurück zum Hause Napit, wo bereits die Ma Puja vorbereitet wird. Heute Abend werden wir also unserem „körperlichen Selbst“ huldigen – schön, das es uns gibt! Und das funktioniert folgendermaßen: Thhes Mutter hat bereits viele bunte Mandalas auf dem Küchenboden aufgemalt, in dessen Zentrum jeweils ein Häuflein Obst gespickt mit Räucherstäbchen und Kerzen prangt. Jeder kniet vor seinem Eigenen und nun streut Sajani jedem reihum eimerweise Blütenblätter über den Kopf. Danach wird jedem Joghurt an die Schläfe geklekst, denn das erfrische das Gehirn, und eine große, runde, dreidimensionale Tikka auf den Haaransatz gepflanzt. Zum Schluss werden nochmal Blütenblätter und Reis durchs ganze Zimmer geschmissen (und ich kann nicht umhin mir die bemitleidenswerte Kreatur vorzustellen, die den Verhau nachher wieder aufräumen muss) und dann sind alle glücklich. Wir essen vor uns hin - Obst, getrockneten Fisch, eingelegte Eier, Chiura (trockene, ausgeklopfte Reisflocken), verschiedene Currys – lassen uns von den Räucherstäbchen und dem Raksi (nepalesischer Reiswein) benebeln und, siehe da, die Puja wirkt: wir freuen uns einfach nur daran, das wir sind und das auch noch zusammen mit so warmen, offenen, gastfreundlichen Menschen… Manchmal macht das Leben wohl einfach Spaß! 


Später, als wir wieder zu Hause in Kathmandu angekommen sind, glücklich und geschafft auf unserem Bett sitzen -  die vielen Eindrücke wirbeln noch wild in unseren Köpfen herum - geht das Licht plötzlich aus. Load Shedding! Ist ja auch kein Wunder, den Strom habe die Nepalis die letzten Tage beim Lichterfest verheizt wie sonst nur den Müll an den Straßenecken. Die Leitungen sind bestimmt ganz trocken und ausgelutscht und die Kraftwerke nur noch voller Echo. „War ja zu erwarten“, sagt mein Freund, während er nach Kerzen und Feuerzeug tastet. Und dann war wieder stille Dunkelheit, im Lande des Candle Light Dinner…


Donnerstag, 21. Oktober 2010

Buddhismus vs. Hinduismus


Nepal ist das einzige Land weltweit, das sich vor seiner Demokratisierung (das Wort sollte hier immer  noch nur mit einer gesunden kritischen Distanz über die Lippen gebracht werden) im Jahre 2006 „Hinduistisches Königreich“ nannte. Das Staatoberhaupt, der König, wurde gleichzeitig als Inkarnation des Gottes Vishnu verehrt. Folglich gehören 80% der Bevölkerung dem Hinduismus, der einstigen Staatsreligion, an. Doch auch der Buddhismus hat geschichtlich betrachtet eine große Rolle gespielt, auch wenn sich inzwischen nur noch 15% der Nepalis zu ihm bekennen.

Vielleicht sind das aber auch alles nur Zahlendrehereien, denn wo hier der Buddhismus anfängt und der Hinduismus aufhört ist, glaube ich, nicht nur mir schleierhaft! Beobachtet man doch Buddhisten wie Hinduisten gelegentlich zum selben kleinen Stadttempel pilgern, um die dort hausende Gottheit zwar mit einem anderen Namen anzurufen, ihr aber dasselbe Bananenblattschiffchen mit Reis, Blumen und Gewürzen als kleine Opfergabe bereitzustellen (die dann später von einem streunenden Hund oder einer nicht minder streunenden Kuh wieder in den Kreislauf des Lebens aufgenommen wird). Auch die zentrale Schutzpatronin der Stadt Kathmandu, die Kindergöttin Kumari, ist fest zwischen den Religionen verankert: Als Kleinkind wird ein passendes Mädchen herbeiorakelt, das zwingend aus einer buddhistischen Familie stammen muss, und aus allen Bewerberinnen heraushoroskopiert. Das Eingangsritual, in dem sich die hinduistische Götting Durga sodann in das Menschenkind inkarniert, ist paritätisch zwischen den beiden Religionen aufgeteilt, genauso wie das Fest Indra Jatra, an dem die Kumari sich das einzige Mal im Jahr der Stadtbevölkerung zeigt und diese inklusive König (so lange dieser vorhanden war) segnet. (Die Kumari waltet so lange ihres Amtes bis sie das erste Mal „blutet“. Zu diesem Zeitpunkt schlüpft die Göttin Durga einfach wieder aus ihr heraus und die Ex-Kumari muss dann zurück in ihr ursprünglich profanes Dasein. Heiraten wird sie keiner wollen, denn das bringe Unglück! Ich nehmen an vor allem der Geldbeutel und die Nerven eines potentiellen Zukünftigen würden großen Schaden davontragen, schließlich wurde die kleine Göttin ihre ganze Kindheit über verwöhnt und verzogen, durfte sich ausschließlich an Fleisch und anderen Delikatessen laben und keiner widersprach so schnell der göttlichen Hoheit! Die Kumari scheint trotzdem das Idol und Vorbild jedes keinen nepalesischen Mädchens zu sein und eine Auserwählung der heimlich gehegte Wunsch vieler Eltern. Und so begegnen einem nicht selten Kleinkinder die Opfer von brachialen Kajalmassakern geworden sind oder aussehen als hätten sie ihr Fußbad im brodelnden Suppentopf genommen, denn die echte Kumari ist an ordentlich dunkel geschminkten Augen und Henna gefärbten Füssen zu erkennen.) Und das sind nur die einfacheren Beispiele im lustigen Religionen-Lassi Nepals!

Nun gut, der Buddhismus und seine verschiedenen Ausformungen sind mir nun durch diverse Asienreisen und Chinesen-Kuscheln nicht mehr gänzlich unbekannt: Da wäre der, ein wenig mit Ahnenkult und Konfuziussprüchen vermengte, chinesische Volksbuddhismus, der golden-ätherisch birmanische Betel-Buddhismus, der lämpchenblinkende Thaibuddhismus und der tibetische gebetsfahenenflatternde Bergbuddhismus. Irgendwie immer und überall in abstrakter Einfachheit klar in der Aussage und anmutig in der Erscheinung. Eine Wohlfühlreligion mit spirituellen Entspannungsstätten. Einfach und tiefgründig – sympathisch auf den ersten Blick!

Mit dem Hinduismus bin ich hier jedoch das erste Mal live und ohne doppelten Boden in Berührung gekommen und meine Verwirrung ist ehrlich gesagt überwältigend! Nicht nur weil es mehr Götter zu geben scheint als ich Haare auf dem Kopf habe und ich ständig Inkarnationen, Manifestationen und inzwischen auch die Realität durcheinander schmeiße. Nicht nur weil ich nicht verstehe, warum die Tikka (der berühmte Punkt auf der Stirn) mal gelb, mal rot, mal pulvrig, mal klumpig, mal auf dem Scheitel, mal zwischen den Augenbrauen, mal als filigranes Pünktchen und mal als Mordsfrontaltikka daherkommt. Sondern vor allem, weil ich einfach nicht weiß, was ich von dem Ganzen überhaupt halten soll. Liebe auf den ersten Blick ist was anderes – ich würde es eher so ausdrücken: es arbeitet in mir!

Vielleicht habe ich mir auch nicht die einfachste Begegnung mit dem Hinduismus ausgesucht, indem ich gleich am ersten Wochenende eine seiner wichtigsten Tempelstätten in Nepal den Pashupathinath inklusive heiligem Fluss Bagmati (da entspricht der Hinduismus völlig dem Christentum: was heilig gesprochen wird, muss vorher tot sein, und, das möchte ich noch hinzufügen, diese Tatsache durch entsprechenden Geruch beweisen) besichtigt habe. Denn eine Besonderheit im Pashupathinath ist, dass dort die „letzten Riten“ durchgeführt werden, aber nicht im Rahmen einer geschlossenen Gesellschaft, sondern mitten im Gewühl der Tempelgemeinde! Die in gelbe Tücher gehüllten Leichen werden auf Bambusbahren durch die Menschenmassen zum Fluss getragen und dort mit dem heiligen Wasser des Bagmati gewaschen bevor sie auf eine der Verbrennungsstätten  (kleine Scheiterhaufen, die mit ordentlich Grillanzünder startklar gemacht werden) am Flussufer gebettet werden. Die Familie vollzieht die letzten Rituale, häuft Blumenketten auf den Leichnam, küsst ihm die Füße und entzündet bündelweise Räucherstäbchen. Dann wir Reisig über den Verstorbenen gehäuft und angezündet. Zu meiner eigenen Überraschung war ich erst einmal beeindruckt von der Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der man hier mit dem Tod umgeht. Pragmatismus in der Alltäglichkeit seines Auftretens gemischt mit Intensität in der Symbolsprache der Bestattungsrituale. Bei uns im Westen dagegen soll der Tod möglichst im Verborgenen bleiben. Eine Privatangelegenheit. Die Berührungsängste mit diesem großen Unbekannten sind dadurch enorm!  Hier dagegen spielen die Kinder direkt neben den Scheiterhaufen im Fluss und versuchen geschäftstüchtig mit an Schnüren gebundenen Magneten die Geldstücke, die als Glückbringer in den Bagmati geworfen wurden, wieder herauszufischen. Gleichzeitig verknotete sich aber auch, als ich die Leiche so vor sich hin brennen sah, aus mir unerklärlichen Gründen irgendetwas sehr  schwer und unangenehm in meiner Brust. Und dieses seltsame Gefühl stellt sich nun jedesmal wieder ein, wenn ich Räucherstäbchen rieche, die dieselbe Geruchsnote haben wie diejenigen bei der Feuerbestattung im Pashupatinath!

Nun gut, um nun noch einmal auf den Vergleich der beiden Weltreligionen zurückzukommen, zeigt sich der Buddhismus hier in Nepal mit sauberen Tempelplanlagen und einem Talent zur subtilen, kundenfreundlichen Vermarktung. Der Hinduismus hingegen wirkt spontan eher wenig sympathisch. Trotz horender Eintrittspreise (natürlich nur für Touristen und die erkennt man hier spätestens an den Trekkingschuhen) sind die Tempel recht vernachlässigt und zugemüllt wie jede andere profane Straßenecke. Ein wenig im Chaos versunken laden sie nicht wirklich zu Besinnlichkeit ein!

Dieser erste verwirrte Eindruck muss ja aber nicht der letzte sein, dacht ich mir, schließlich kann der Hinduismus an sich ja nichts für das Chaos eines Dritte Welt Landes. Außerdem muss da doch was dran sein, wenn sogar bei uns im Englischen Garten die Hippies Hari Krishna singend um die Bäume taumeln und sich nicht allzu wenige Ex-Yuppie-Aussteiger-Yogis Mantra summend die Beine hinter die Ohren biegen und ayurvedisch lächelnd einfach nur shanti sind. So bin ich einfach mal stracks in den nächsten Buchladen gestiefelt, um mir in realistischer Selbsteinschätzung „The complete idiot’s guide to Hinduism“ zu kaufen und meinen Horizont gleich mal ein wenig zu erweitern…

Aber, wie gesagt, vielleicht sind all diese allzu verkopften Definitionen, Abgrenzungen und Abwägungen gar nicht so wichtig, wenn es um die Spiritualität geht. Vielleicht sollte ich es einfach halten wie ein scheinbar recht weiser Mann, der mir eines schönen Nachmittages in der Nähe des Ratna Parkes begegnet ist, oder besser: ich bin auf ihn gestoßen! Auf einer rußig begrünten Verkehrsinsel mitten im tosenden Feierabendgehupe stand er, der versmogten Welt unbeirrt ein breites Lächeln entgegenhalten, und hielt wacker ein Schild in die Höhe. Fasziniert von diesem ungewöhnlichen Anblick versuchte ich durch die vorbeirauschenden Autos hindurch das Geschriebene zu entziffern. In Ermangelung ausreichender Nepali Kenntnisse beinahe das Handtuch werfend, bemerkte der Weise meine verzweifelten Entzifferungsversuche und drehte sein Schild mit einem Extralächeln einfach um. In dicken Lettern stand nun auch für mich verständlich geschrieben: Follow Your Religion. Love Everbody! Und wo er wohl Recht hat, da hat er wohl Recht…


Donnerstag, 7. Oktober 2010

Welcome in Kathmandu!

Es war einmal vor ziemlich genau zwei Wochen als wir mit einer Maschine, in der halbverschleierte Stewardessen servierten, sanft gelandet sind zwischen den verschlafenen Hügeln des Himalaya. Gesehen hab‘ ich diese aber noch lange nicht, denn kurz nach dem Hindukusch hüllte sich dichte Nacht ums Flugzeug und im Landeanflug konnte man nur erahnen, dass die paar Lichterfunzeln am Boden auf die Hauptstadt Kathmandu hinweisen sollten.

Vor dem Flughafengebäude, das eher einer Grundschule im heimeligen Backsteindesign glich, wartete bereits ein wuchtiger Geländewagen. Als ich die beiden großen und recht blonden Gestalten davor ausmachte, die umwuselt wurden von eher kleineren, dunkleren Männchen, war mir klar, dass es sich zweifellos um meine zukünftigen Kollegen aus der deutschen Botschaft handeln musste, die uns nun holpernd und schaukelnd durch die Straßen von Kathmandu zu unserer Wohnung navigierten. Ich brannte auf die ersten Eindrücke, die ich durch die staubigen Fensterscheiben auf das unbekannte Terrain erhaschen wollte. Doch es war bereits neun Uhr abends, Gehsteige hochgeklappt, kohlrabenschwarz, load shedding (ein Euphemismus für geplante Stromausfälle aus notorischer Ermangelung desselben, der sich im Laufe meines Aufenthalt mit Sicherheit zum Unwort des Jahres entwickeln wird!)! Nur die ein oder andere trübe Glühbirne enthüllte uns ein paar Eindrücke auf verwirrend verwinkelte Straßen, Mauern, Wege und Häuser in bunter Müslimischung. 

So kam es, dass wir bald in unserer zukünftigen kleinen Wohnung saßen, uns mit knurrenden Mägen ein wenig verständnislos anblinzelten und uns doch nicht mehr auf die Straße trauten. Wir waren der festen Überzeugung weder etwas Essbaren auftreiben zu können „mitten in der Nacht“ noch jemals wieder zurückzufinden. (Man muss dazu sagen, dass man in Kathmandu keinerlei Straßennamen kennt, geschweige denn Hausnummern. Es gibt nur Viertel und Referenzpunkte wie beispielsweise „Grihini Superstore“, „European Bakery“ oder „Police Headquarter“, die als einzige Grundlage zur Orientierung dienen. Sogar Pierres GPS ist beim ersten Anschalten vor lauter Verwirrung abgestürzt und war bisher nicht wiederzubeleben!) Und so lagen wir kurz darauf in unserem neuen nepalesischen Bett und kriegten kein Auge zugedrückt! Verdammt, wir waren endlich in Kathmandu angekommen und haben noch keinerlei sichtbaren Beweis dafür erblickt, außer dem Visum in unseren Reisepässen. Wir starrten noch ein wenig in die Dunkelheit, lauschten der Musik der bellenden Straßenköter, stellten uns in den buntesten Farben vor, wie es da draußen wohl so aussehen möge und mussten dann doch einsehen, dass wir diese Nacht wohl noch geduldig ausharren mussten, bevor die Neugier gestillt werden sollte…!

Am nächsten Morgen krähte uns ein Hahn wach und gaukelte eine friedliche Landidylle vor. Der Blick aus dem Fenster offenbarte üppige Vegetation und man konnte die Berge in der Ferne erahnen. Und so tasteten wir uns langsam vor, nur mit der vagen Wegbeschreibung ausgerüstet, die wir von unserem Vermieter Prim erhielten, der mit seiner Frau Minu im Erdgeschoss des Hauses wohnte. Unsere Wohnung lag mit separatem Eingang im ersten Stock. Nachdem wir das Gassengewirr verlassen hatten und auf der ersten größeren Straße standen, hatte uns auch die Landidylle auf einen Schlag verlassen. Wir staunten nur so als klapprige bunte Busse, ruckelnde Kleintransporter, der ein oder andere UN-Minenentschärfungs-Geländewagen und jede Menge Motorräder an uns vorbeizischten. Linksverkehr ohne eigentliche Verkehrsregeln! Die Hupe war das einzige Kommunikationsmittel im Straßenverkehr und da man sich offenbar so einiges mitzuteilen hatte, wurde viel gehupt – sehr viel und sehr laut! Die Straße war dagegen abwechselnd eine Buckelpiste, ein Schotterhaufen, eine Müllkippe oder einfach nur ein Loch – dies sollte der einzige Tag bleiben, an dem ich mich mit Flip Flops aus dem Haus wagte! Man konnte in diesem wirren Treiben gelegentlich Zeuge werden wie alle Autos gleichzeitig in die Kreuzung einfuhren, Ampeln sind in diesem schönen Reiseland nämlich noch nicht bekannt, und sich dann in der Mitte dermaßen verkeilten, dass dieses Knäuel dann recht aussichtlos wirkt. Dabei fahren die hinteren Autos so weit wie möglich auf, die Motoräder schlängeln sich durch bis auch sie in der Mitte feststecken, die Fußgänger beginnen über die Autos zu klettern und um eine konstruktive Lösung des Autoknoten herbeizuführen, wird gehupt, was das Zeug hält – alle auf einmal! 



Doch irgendwie, ich kann mich beim besten Willen nicht mehr entsinnen wie, kamen wir doch noch in der Altstadt, am Durbar Square, an. Doch wenn ein zivilisierter Europäer bei einem als UNESCO Kulturerbe bezeichneten Platz, der den alten Königspalast und eine Ansammlung von mindestens 15 Tempeln beherbergt, eine gepflegte Fußgängerzone mit polierten Bauwerken erwartet, findet er in Nepal ein heilloses Durcheinander: Die Motorräder flitzen nur knapp an den Tempeln vorbei, deren Stufen von Gemüsehändlern belagert werden, klapprige Taxis lauern mit laufendem Motor und Kindern klettern mit den staubigen Straßenkötern auf den alten Gemäuern um die Wette. Das prachtvolle Kulturerbe wirkt ein wenig angegriffen und ruhelos! Zu allem Überfluss ist gerade noch das Fest Indra Jatra im vollen Gange, mit dem das Ende der Regenzeit gefeiert wird, und man kann so manche Kuriosität erblicken: Schamanen, die kostümiert durch die Straßen zappeln und von der Schar der euphorischen Begleiter vor den Autos abgeschirmt werden müssen, die diese heiligen Männer sonst wohl einfach umnieten würden. Eine mindesten 10 Meter hohe Holzstange (Freud grüßt hier nicht ganz grundlos!), die auf dem Platz errichtet wird, nur um sie gleich wieder zu Fall zu bringen und so orakelhaft das Schicksal der Stadt vorherzusagen. Außerdem eine Götterfratze, aus deren Mund ein überdimensionaler Strohhalm ragt, aus dem einmal im Jahr Bier sprudelt und jeder einmal daran nuckeln darf. Auch eine Bühne war auf den Stufen eines Tempels errichtet, vor deren geschlossenem Vorhang eine ungeduldige Menschenmenge wartete und das vermeintliche Spektakel laut grölend herbeisehnte. Nun auch neugierig geworden harrten wir ein halbe Ewigkeit vor dem weißen Vorhang aus, bis er sich beim Toben der Masse langsam öffnete und drei skurril verkleidete, reglos posierende Gestalten offenbarte. Die Begeisterung des Publikums kannte nun keine Grenzen mehr. Wir dagegen hatten das Gefühl etwas Entscheidendes verpasst zu haben, denn nach wenigen Minuten schloss sich der Vorhang wieder und die Menge stob zufrieden auseinander. Nur wir waren zwei große Fragezeichen bis uns jemand erklärte, dass wir gerade die Inkarnation von Vishnu und zwei weiteren der zahllosen Hindugottheiten erblicken durften. Die Begeisterung konnten wir nun doch ein wenig nachvollziehen, denn wenn in München, stellten wir uns vor, plötzlich mitten auf dem Marienplatz Jesus in Begleitung des heiligen Franz von Assisi und dem Erzengel Gabriel aufkreuzen würde, wäre das Geschrei bei uns auch groß…!!!


Montag, 7. Dezember 2009

„Scheitern bei Dorothy Parker und Zhang Ailing“


Beinahe wäre ich hier komplett und spurlos abgetaucht in meiner Magisterarbeit. Aber ich will nicht klagen, das läuft alles wunderbar. Ich lese, verstehe meistens auch, selbst wenn Zhang Ailing mir das nicht allzu einfach macht (zur Erinnerung an alle, für die chinesische Namen immer nur wie eine Türklingel klingen - das ist die werte Autorin, die in meiner Magisterarbeit verewigt wird). Gelegentlich scheint sie recht wild auf dem Wortschatz-Flohmarkt gestöbert zu haben, um schon lange tot geglaubte Antiquitäten aufzuspüren und voller Finderstolz sogleich in ihre Texte hinein zu dekorieren. Und ich schreibe auch schon fleißig vor mich hin. Aber trotzdem gerät man immer so leicht in diese verzwickte Alltagsroutine hinein, die zwar einerseits die Konzentration voll und ganz auf das eine zentrale Problem lenkt (Scheitern!) und die Effektivität steigert (Zerstörung? Oder doch lieber Selbstzerstörung?). Aber andererseits packt sie den Kopf in einen Nebelhelm ein, mit dem man dann immer blinder durch die Welt stolpert. Man kommt einfach nicht mehr auf den Gedanken, dass man den ja auch mal absetzten könnte, um mal wieder ein bisschen Frischluft durch die Gehirnwindungen kreiseln zu lassen (nehmt das jetzt nicht wörtlich, ich bin schließlich noch immer in Peking: fast 16 Mio. Einwohner, davon ca. 940 Stück/km² und eine rasant steigende Autoanzahl) oder mal eine andere Aussicht zu genießen (zum Beispiel gleich bei mir um die Ecke auf der Brücke über der dritten Ringstraße).

Aber genau diese Wolke um mein Hirn herum war auch an ihrem eigenen Wegeblasenwerden Schuld (also doch Selbstzerstörung!), indem sie mich beim Verlassen meines Zimmers auf dem Weg zu den Mittagsnudeln zwar ans Absperren meiner Tür durch Knopfdruck von Innen, nicht aber ans Mitnehmen des entsprechenden Schlüssels erinnert hatte. Das hatte ich allerdings bereits nach 3 Metern realisiert, als ich nämlich mit Nichts in der Hand die Wohnungstür aufsperren wollte. Während ich immer ungläubiger meine sämtlichen Taschen abklopfte, und immer verzweifelter meine Stirn in ganz unschöne Furchen legte, wurde das Grinsen auf meinen in der Küche schnibbelnden und brutzelnden Mitbewohnern immer breiter. „Verdammt!“, (hab' ich mal lieber auf deutsch gesagt) und weg war der Kopfnebel, vor lauter Panik verdampft! Meine eine Mitbewohnerin (Bailu - die "weiße Jade") meinte, dass das jetzt kein Problem sei, weil irgendwo in ihrem Zimmer müsse sie noch einen Schlüssel von dem Mitbewohner haben, der vor mir in meinem Narrenkäfig gehaust hat, und begann systematisch ihre Schubladen auszuleeren (nebenbei bemerkt: in ihrem köstlichen Daheim-Outfit, bestehend aus rosa Schalfanzug und Wintermantel drüber! Zugegeben laufe ich hier manchmal nicht viel besser durch die Gegend, aber solange es warm hält…). Nachdem der Inhalt sämtlicher Schubladen auf dem Boden verteilt war, indem sich nur ein weiterer Schlüssel ihrer eigenen Zimmertür befand, habe ich erstmal wieder meine Mütze abgenommen. Als der "Kartentrick", den meine andere Mitbewohnerin (Xiaoxia - die "rosige Morgendämmerung") sich in Filmen abgeschaut und im Uniwohnheim immer erfolgreich angewendet hatte, nur in verbogenen "Esstempel"- und U-Bahn-Karten resultierte, die Tür sich aber noch immer kein Stück rührte, habe ich meine Handschuhe abgestreift. Und als wir dann auf den Schlüsseldienst warteten, den mein Mitbewohner (Yu – schlicht, einfach und voller Bescheidenheit "Universum") gerufen hatte, wurde auch meine Jacke auf der Waschmaschine geparkt. 

Leckere Schweinefüßchen.

Naja, wenigsten eine gute Gelegenheit mich mal wieder mit meinen Mitbewohner auszutauschen. Beispielsweise darüber wie oft ich in die Kirche gehe (bei dieser Gelegenheit habe ich die Vokabel "konsequent" in ihrer Verneinung gelernt), ob Chinesen eine Religion haben, welche drei Dinge Zhang Ailing am meisten gehasst hat und dass man von scharfem Essen zu viel „Feuer“ bekommt im Körper (auf gut deutsch: Pickel! Die größte Angst meiner Mitbewohnerin. Eine rosige Morgendämmerung mit Pickeln wäre aber auch in der Tat unschön!). Ganz nebenbei verursacht dieses Feuer offensichtlich auch noch so nebensächliche Kinkerlitzenchen wie Hitzewallungen, Verdauungsstörungen, Austrocknung der Atemwege, Husten und was man sich sonst noch an Höllenqualen vorstellen kann! Das weiß ich, sag' ich, aber macht nix, weil mir ist eh' immer kalt, da kann so ein bisschen Feuer gar nicht schaden, und ich kann ja nicht jeden Tag Schweinefüße essen (Die sind nämlich, da sind sich alle Chinesen einig, gut für die Haut! Heißer Tipp also an alle, die bei ihrem Teint noch immer das „flawless“ vermissen).
Nach einem halben Stündchen steht dann endlich der Mann vom Schlüsseldienst vor der Tür: Ich öffne ihm und frage, warum er denn überhaupt klopfe, er könne sich die Tür doch auch selber aufmachen? Aber mein Sparwitz lässt ihn total kalt, den hat er wohl nicht das erste Mal gehört! Er hat sich dann zielstrebig vor der verschlossenen Tür postiert, ohne zu zögern den richtigen Dietrich aus seinem Bund gegriffen und damit ein wenig lustlos im Schloss meiner Zimmertür herumgerührt. Das hat keine 10 Sekunden gedauert und offen war sie. Da ist uns allen erstmal die Kinnlade runtergefallen, denn dass unsere Türen so unproblematisch zu knacken sind, fanden wir weniger lustig. Dafür hat er umso mehr gelacht!

Damit so was nicht wieder vorkommt, habe ich den Ersatzschlüssel, den bisher ich unvorsichtigerweise am normalen Schlüsselbund getragen hatte, nun in der Küche auf dem Boiler verstaut. Dort klebt er nun in einer zähen Fettschicht und wird vielleicht in vielen Jahren von meinem Nach-Nach-Nachfolger-Mitbewohner in einem verzweifelten Augenblick durch Zufall wiedergefunden...